Jugendliche lesen anders!

PISA und andere Studien stellen der Lesekompetenz der Jugend kein gutes Zeugnis aus. Leseförderung für die jugendliche Zielgruppe hat daher eine besondere Bedeutung. Wer Jugendliche erreichen will, sollte aber nicht auf herkömmliche Rezepte zurückgreifen – sondern vielmehr auf ihr Medienverhalten, ihre reale und virtuelle Lebenswelt sowie ihre vielfältigen Interessen und Bedürfnisse eingehen.

AutorIn: 
Verena Gangl


„Den“ jugendlichen Leser gibt es nicht, ebenso wenig „die“ jugendliche Bibliotheksnutzerin – Heranwachsende gehören unterschiedlichen Jugendszenen an und haben schnell wechselnde Vorlieben. Aufgrund der Verlaufsmöglichkeiten nach dem „Leseknick“ lesen manche regelmäßig, andere gar nicht, manche nur, um Information zu gewinnen, andere, um den „Leseflow“ zu erleben. Oft lesen Mädchen in dieser Altersgruppe mehr und lieber als die Buben. Die Schere zwischen guten LeserInnen und NichtleserInnen ist jedenfalls groß.
 

Vor dem Hintergrund, dass unzureichende Lesekompetenz (jede/r fünfte 15-Jährige kann nicht sinnerfassend lesen) und vorzeitige Schul- bzw. Ausbildungsabbrüche (in Österreich rund 10.000 pro Jahr) zu den wesentlichen Problemen des europäischen Bildungssystems gehören, hat Leseförderung für Jugendliche eine immense Bedeutung. Schließlich ist schulischer und beruflicher Erfolg untrennbar mit Sprach- und Lesekompetenz verbunden.
 

Veränderte Mediennutzung und virtueller Alltag

Dabei muss das veränderte Mediennutzungsverhalten dieser Altersgruppe im Mittelpunkt stehen. Dieses stellt herkömmliche Leseförderung immer wieder vor Herausforderungen: Jugendliche nutzen digitale Technologien als integralen Bestandteil ihres Lebens (siehe auch JIM-Studie zum Informations- und Medienverhalten von Jugendlichen 2011) und lesen eigentlich dauernd: auf Websites, in sozialen Netzwerken, auf dem Smartphone, auf dem Tablet-PC etc. Diese massive Nutzung macht andere Denkmuster und Formen der Informationsverarbeitung notwendig: Das Nebeneinander von Bild und Text erfordert mehr Eigenleistung, um Zusammenhänge zwischen den einzelnen Textbausteinen herzustellen. Insofern sollte eine Förderung der Lesekompetenz auch jene der Medienkompetenz umfassen, etwa durch Workshops wie „Sicherheit im Netz“. Es gilt in dieser Altersgruppe zu beachten, dass Jugendliche sowohl ein reales als auch zum großen Teil virtuelles Leben haben.

Gedruckte und elektronische Medien ergänzen sich in der Leseförderung der Jugendlichen in jedem Fall. Dies stellt BibliothekarInnen vor die Herausforderung, ständig up to date zu bleiben: über Genres, Reihen, Bücher-Trends, aber auch Filme, Games … Das klassische Buch beziehungsweise das literarische Lesen treten im Jugendalter nicht selten in den Hintergrund. Was jedoch nicht bedeutet, dass Jugendliche keine guten Geschichten lesen, hören, schreiben, erleben wollen!

Neue Rolle der Bibliothek

Aber auch die Rolle der Bibliotheken hat sich verändert: Jugendliche suchen hier vor allem Informationen für die Schule, zum Beispiel für Referate, Informationen zum Zeitgeschehen oder zu persönlichen Problemen. Sie wollen Medien, die aktuell und „in“ sind, und nutzen die Bibliothek als öffentlichen Raum, um sich mit anderen zu treffen. Innerhalb der Bibliothek fühlen sie sich mehr dem Erwachsenen- als dem Kinderbuchbereich zugehörig; dem sollte auch bei der Aufstellung und Raumgestaltung entsprochen werden. Idealerweise gibt es einen eigenen Jugendbereich, der gemeinsam mit jugendlichen LeserInnen gestaltet werden kann. Dieses Einbeziehen in die Bibliotheksarbeit kann leseanimatorisch wirken und in Form konkreter Mitarbeit oder mittels Umfragen zu Lesevorlieben/Medienwünschen geschehen. Vielleicht möchten Jugendliche auch den Blog, Twitter- oder Facebook-Account der Bibliothek betreuen oder einen solchen anlegen.
 

Leseanimation ohne „Leseförder“-Stempel

Prominente Lesestoffe aus der Jugendkultur wie Fantasy, Romantasy, Mystery, Steampunk oder Dystopien und Tierfantasy werden meist in der Schule nicht thematisiert, faszinieren aber die Heranwachsenden und gehören wie Mangas, die immer beliebter werdenden Graphic Novels, All-Age- und Ratgeberliteratur, Sachbücher und Zeitschriften zu einer jugendgerechten Bibliothek.

Weitere Angebote:

  • Dazupassende Manga- oder Comic-Zeichenworkshops, die die Begegnung mit „echten“ IllustratorInnen ermöglichen.
  • Verkleidungspartys (z. B. Cosplay) für Manga-/Anime-LiebhaberInnen, die dem japanischen Verkleidungstrend folgen.
  • Lesewettbewerbe wie die britische „Six Book Challenge“ (hier muss man bei denen man eine bestimmte Anzahl an Büchern lesen muss, um an einer Verlosung teilzunehmen, oder wie „Read 4 Fun“ (Steiermark) und „Read & Win (Tirol), wo ein kreativer Beitrag zum Lieblingsbuch einzureichen ist,
  • neue Formen der Buchvorstellung wie Book Slam©, bei denen für dreiminütige Buchpräsentationen, die sich jedweder Methodik (z. B. szenische Lesung, YouTube-Video …) bedienen dürfen, Noten von 1 bis 10 vergeben und am Ende die SiegerInnen gekürt werden,
  • sowie Poetry-Slams sind partizipativ und dynamisch und so der jugendlichen Lebenswelt sehr nahe. Das Konzept „Digital Storytelling“ wiederum verbindet die uralte Tradition des mündlichen Geschichtenerzählens mit multimedialer Computertechnik.

Schreibwerkstätten oder längerfristige Schreibprojekte (wie „Krimi macht Schule“) fördern und fordern die Partizipation der Jugendlichen und stärken darüber hinaus die (schrift-)sprachlichen Kompetenzen. Zudem stellt der direkte und persönliche Austausch mit AutorInnen auch für Jugendliche einen besonderen Reiz dar. Projekte, die unterschiedliche Methoden und Medien wie eine Verbindung von Buch und Film bedienen, oder Angebote zum vorwissenschaftlichen Arbeiten im Rahmen der standardisierten Reifeprüfung bieten sich gut im Rahmen von Kooperationen mit Schulklassen an und geben Bibliotheken die Gelegenheit, sich verstärkt als Informations- und Recherchezentren zu positionieren.
Spannende Projekte und Aktionen, die an die Interessen der Jugendlichen anknüpfen, sie aktiv einbinden und nicht zu offensichtlich die Aufschrift „Leseförderung“ vor sich hertragen, erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass lebenslang abrufbare Lesemuster gefestigt werden und auch jugendliche Wenig- oder NichtleserInnen Gefallen an der Bibliothek und am Lesen finden.

 

Weiterführende Literatur

  • Franziska Ahlfaenger: Jugend - Bildung – Bibliotheken. Modelle der Finanzierung und Projektförderung. Mit praktischen Beispielen. Simon Verlag für Bibliothekswissen 2009.
  • Franziska Ahlfaenger: Partizipation Jugendlicher in Bibliotheken. Eine grundlegende Basis für innovative Ideen und Angebote. Simon Verlag für Bibliothekswissen 2011.
  • Petra Anders: Poetry Slam. Unterricht, Workshops, Texte und Medien. Schneider Verlag 2011.
  • Kerstin Keller-Loibl: Handbuch Kinder- und Jugendbibliotheksarbeit. Bock & Herchen Verlag 2009.
  • Wolfgang Schmitz, Britta Sösemann, Friedrich Hasse: Schneller lesen – besser verstehen für Jugendliche. rororo Verlag 2011.

 

 

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